Sprechen wir über Europa
Über das gefährdete Europa diskutierten am Mittwoch, 20.03.2019 an der OTH Amberg-Weiden der frühere tschechische Kulturminister Daniel Herman und Matthias Riedl, Professor an der Central European University (CEU) in Budapest.
“Wir sind eine weltoffene und gastfreundliche Hochschule”, begründet Andrea Klug, Präsidentin der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden die Einladung an die beiden Pro-Europäer, “diese Podiumsrunde sehe ich auch als Element unserer Positionierung.”
Zusammen mit den Kooperationspartnern, dem Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) in Schönsee und der Westböhmischen Universität Pilsen, wolle man vor den Wahlen zum Europa-Parlament den Studierenden ein Forum bieten, ihre Vorstellungen von Europa zu formulieren: “Fragen, die junge Menschen im Europa der 28 bewegen, vor dem Hintergrund des Brexit, des erstarkenden Nationalismus, der Flüchtlings- und Eurokrise.” Auch, damit die Vielzahl positiver Errungenschaften nicht vergessen würden, die gerade Studenten grenzübergreifend verbinde: “Freiheit im Studium, Praktikum und auf dem europäischen Arbeitsmarkt.”
Moderator Professor Bernt Mayer, Dekan der Fakultät Betriebswirtschaft, ist zusammen mit dem Kompetenzzentrum Bayern-Mittelosteuropa und dem Sprachenzentrum an der OTH Ausrichter des Zwiegesprächs, an dem sich rund 50 Gäste, darunter 25 aus dem ostböhmischen Pardubice, beteiligen. Der Wirtschaftspsychologe versucht die Motivation für die derzeitigen Konflikte zu hinterfragen: “Wie verhalten sich die Briten, was ist in Ungarn los?”
Für die zweite Frage ist Riedl der ideale Ansprechpartner: Der Professor an ausgerechnet der kleinen, aber feinen Zentraleuropäischen Universität in Budapest, die schon Václav Klaus nicht in Prag haben wollte, weil sie ihm zu linksliberal erschien, und die gerade Ministerpräsident Viktor Orbán aus Ungarn vertreibt. Die Vermittlung zivilgesellschaftlicher Tugenden, die Mäzen George Soros fördert, läuft dessen autokratischem Regierungsstil zuwider. Riedl, aufgewachsen in Etzenricht, über die USA an die CEU gekommen und dort Leiter des Zentrums für Religionsstudien, verheiratet mit einer Ungarin,gesegnet mit zweisprachig aufgewachsenen Kindern, wird deshalb künftig wohl nach Wien pendeln müssen, um seine Lehrtätigkeit fortzusetzen.
Historischer und mit starkem katholischen Akzent betrachtet der laisierte Priester und ehemalige Minister Daniel Herman, die Lage der Europäischen Union. Herman musste am Schicksal der eigenen katholisch-jüdischen Familie erfahren, was es bedeutet, wenn Nationalismus und Rassismus zu Leitbildern europäischer Politik werden. Das Ergebnis, vielmillionenfacher Mord und Vertreibung, sei Gründungsmotor der europäischen Einigung gewesen.
Der Vorsitzende der Ackermanngemeinde auf tschechischer Seite fordert deshalb die Rückbesinnung auf gemeinsame Werte: “Europa sucht die eigene Seele.” Die eigene Identität sei in der jüdisch-christlichen Tradition zu finden. Auf Nachfrage unserer Zeitung sagt er aber auch: “Der Islam gehört zur selben Familie, man muss hier klar zwischen Religion und Islamismus unterscheiden.”
Einigen Zuhörern und Riedl selbst ist der theologische Europa-Ansatz angesichts trivialerer Probleme zu hoch gehängt: “Es geht bei der Bildungspolitik los”, fordert Riedl mehr Wissen über die Nachbarn als Grundlage für gegenseitiges Verständnis: “Als ich nach Ungarn kam, merkte ich, dass wir in der Schule kein Wort über unsere Nachbarländer gelernt haben.” Und die Ignoranz halte an: “Die Berichterstattung der deutschen Presse über Mittelosteuropa ist eine Katastrophe – aber wenn Trump hustet, dann steht das überall ganz groß.”
Riedl, der im Zusammenhang mit dem Erasmus-Programm Kontakte zur viel geschmähten Brüsseler Bürokratie pflegt, stellt den EU-Behörden insgesamt ein gutes Zeugnis aus: “Auch bei der Flüchtlingskrise gab es von der EU-Kommission vernünftige Vorschläge.” Es seien die nationalen Regierungen, die Lösungen blockierten: “Wir haben rund vier Millionen Erasmus-Studenten”, lobt er den kontinentalen Austausch, “da geht europäisches Geld hin.” Stattdessen redeten Politiker die EU bei jeder Gelegenheit schlecht: “Dabei ist Ungarn eines der größten Nehmerländer.” Diese Unehrlichkeit dürften die Bürger nicht durchgehen lassen.
Herman sieht keine vernünftige Alternative zur Europäischen Union, fordert aber die Institutionen im Sinne der Katholischen Soziallehre zu verbessern: “Wir müssen uns wieder auf die Subsidiarität besinnen”, die die christdemokratischen Gründerväter verankert hätten – also die Beschränkung Brüssels auf die großen Leitlinien der Sicherheits- und Außenpolitik. Und als Schlusswort zitiert der Minister a.D. Tschechiens verstorbenen Dichterpräsidenten Václav Havel: “Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.”
Quelle: onetz.de | Jürgen Herda

