Goethes Faust im Comic-Format und perfide Tricks der Geheimpolizei
Mit „Faust“ künstlerische Grenzen überschreiten, ganz ohne Gefahr für Leib und Leben in einem freien Land. Im Gegensatz dazu die Dokumentation über Freiheitssuchende, die durch einen perfiden Trick der Geheimpolizei scheiterten.
Mit der gut besuchten Vernissage zu zwei sehenswerten Ausstellungen im Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) läutete CeBB-Leiterin Veronika Hofinger am vergangenen Donnerstag den Abschluss des Programms 2019 ein. „Comics – Goethes Faust“ (bis 03.12.) und „Falsche Grenzen – die Aktion Kámen“ (bis 23.12.) sind die Titel der Präsentationen in der historischen Gewölbehalle und im Treppenaufgang des CeBB, die einen Besuch wert sind.
In der Reihenfolge der einführenden Worte erhielt die Kunst den Vortritt vor der Zeitgeschichte. Kurator Michal Lazorčík von Galerie Klatovy / Klenová ist dank der jahrelangen partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit dem CeBB in Schönsee kein Unbekannter. Er schilderte, wie es zur Themenwahl für den inzwischen dritten Comic-Workshop kam: Johann Wolfgang von Goethe ist auch in Tschechien ein großer Name, sein „Faust“ reizt zur künstlerischen Interpretation, wie die beeindruckenden Arbeiten der vier deutschen und fünf tschechischen Künstlerinnen und Künstler zeigen.
„Wir haben das Werk in neun Sequenzen aufgeteilt. Die Comic-Zeichnungen konnten zuhause bearbeitet werden, die großen Formate entstanden beim gemeinsamen Workshop in diesem Sommer im Speicher auf Klenová.“ Beim Ausstellungsrundgang ordnete der Kurator die neun Teile des „Faust“ den teilnehmenden Künstlern zu und informierte über ihren Werdegang. Der Luftraum des Treppenhauses eignet sich wunderbar als Präsentationsfläche für drei der überdimensionalen Comics. Michal Lazorčík rundete seine Vorstellung mit einem Rückblick auf die beiden vorangegangenen Comic-Symposien 2015 und 2017 ab, in denen das CeBB immer Partner war. Sein Dank richtete sich nicht nur an das CeBB, sondern auch an den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds (DTZF) als Förderpartner.
Nach der Kunst ein Schwenk zur Zeitgeschichte, zur Aktion „Kámen“, die sich zwischen 1948 bis 1951 im Grenzgebiet in Häusern der ursprünglich deutschen Bevölkerung abspielte. In den Tagen der Erinnerung an 30 Jahre Mauerfall, Samtene Revolution und Durchtrennung des Eisernen Vorhangs wird viel über Gewalt und Unrecht berichtet, die Menschen mit Freiheitsdrang erlitten. Die Aktion „Kámen“ gehört zu den abscheulichsten Einfällen der damaligen kommunistischen Herrscher. Die im CeBB gezeigte Wanderausstellung „Falsche Grenzen – die Aktion Kámen“ basiert auf der akribischen Untersuchung der Prager Wissenschaftlerin und Direktorin der „Gesellschaft zur Erforschung der Verbrechen des Kommunismus“, Václava Jandečková, zu den vier Jahre dauernden Vorgängen.
„Es gab höchstwahrscheinlich hunderte von Opfern, obwohl es bis heute nur gelungen ist, vierzig Fälle lückenlos zu rekonstruieren“. Was war der perfide Trick der Geheimpolizei? Sie hat in der Nähe der westlichen Staatsgrenze unter strenger Geheimhaltung und an versteckten Orten vorgetäuschte Grenzschranken, falsche deutsche Zollämter mit Amtsstellen amerikanischer Offiziere auf tschechoslowakischem Gebiet nachgebaut. Das Wesen der Aktion bestand darin, vorab ausgesuchte Opfer, oft wurden sie auch zum Grenzübertritt verleitet, an die Amtsstelle des vermeintlichen Offiziers vom CIA hinter der Schlagbaumattrappe zu bringen. Überglücklich, sich in Freiheit zu wähnen, erzählten sie alles, von Familieninternas, politischen Einstellungen bis zu Patenten einem als CIA-Agent getarnten kommunistischen Geheimdienstoffizier. Die Falle schnappte zu, als in der Euphorie alle Geheimnisse preisgegeben waren.
Erstaunen bei den Besuchern der Ausstellungseröffnung, als Václava Jandečková auf die Frage von Hermann Wallisch aus dem Publikum konstatierte, dass „für diese verbrecherischen Spielchen bis heute niemand bestraft wurde, wird wohl auch nicht mehr.“ Beim Durchblättern des Buchs mit einer Fülle von Dokumenten und beim Vertiefen in die zusammengefasste Dokumentation der Ausstellung an den Wänden im Treppenhaus des CeBB macht sich Bewunderung breit für die Autorin, die nicht nachgegeben hat, um Licht ins Dunkel der Aktion „Kámen“ zu bringen. Mit Václava Jandečková als Gastrednerin und der Präsentation der Wanderausstellung, gefördert vom DTZF und unterstützt von Dr. René Milfait als Koordinator der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit im Rahmen der EJF-Akademie für Bildung und internationale Zusammenarbeit, ist dem CeBB im Jahr 30 nach der Wende ein großartiger Beitrag zur Erhellung unglaublicher und heimtückischer Methoden eines diktatorischen Regimes gelungen. Alle Besucher vertieften ihre Eindrücke bei Gesprächsrunden beim anschließenden Stehempfang mit sehr schmackhaften Bauernbrotschnitten.





