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  • Wenn ich in einen Urlaub fahren würde, bekämen meine Kunden einen Herzinfarkt

Veröffentlicht am 28. Juni 2019 GrenznahBlog

Wenn ich in einen Urlaub fahren würde, bekämen meine Kunden einen Herzinfarkt

Gespräch mit Margret Schels

Frau Schels, sie hatten angeblich nie einen Urlaub…
Richtig. Zuletzt vor einundzwanzig Jahren.

Wie halten Sie es aus?
Durch Freude an der Arbeit und liebe Kunden. Ich habe einfach keine Zeit für den Urlaub.

Jetzt befinden wir uns in der Küche hinter dem Laden, einer Metzgerei am Marktplatz in Tirschenreuth. Hier kochen Sie die ausgezeichneten Speisen, die dann vorne verkauft werden?
Ich koche und backe im Laden. Letztes Jahr stand mir diese Küche wegen Umarbeiten ein ganzes Vierteljahr nicht zur Verfügung. Ich habe gelernt, alles im Laden vorzubereiten, und dabei blieb es auch.

Ein Kenner der örtlichen Verhältnisse hat mir gesagt, dass Sie ein Original sind und dass ich Sie besuchen muss, sonst werde ich Tirschenreuth nicht kennenlernen. Was wird hier gekocht, dass die Leute so über Sie sprechen?
Ich koche hier eine ganz normale Küche. Ich mache Schnitzel, belegte Brötchen, eingebackenes Fleisch. Jeden Tag biete ich ein warmes Gericht an, zum Beispiel Gulasch. Ein richtiges Essen. Es kommen Maurer von den Baustellen, Büromitarbeiter, ältere und jüngere Leute, die es sich hier munden lassen oder die ihre Gerichte mitnehmen. Jeden Tag bereite ich für sie was Anderes vor.

Deswegen können Sie also nicht in den Urlaub weg. Was würden dann Ihre Leute tun…?
Natürlich. Meine Kunden würden einen Herzinfarkt bekommen.

Haben Sie diese Schutzfunktion vor dem Infarkt ihrer Kunden aus der Familientradition geerbt? Wie sind Sie zum Geschäft und zum Handwerk gekommen?
Eine Metzgerei hatten schon mein Großvater und mein Vater. In diesem Laden hat mein Vater eine Filiale der Familienmetzgerei eröffnet. Vorher haben wir im Haus unserer Familie gearbeitet und verkauft, das war unten am Turm. Dieses Geschäft hier haben wir seit 1973. Nach dem Tod meiner Großmutter, 1986, schlossen wir diesen Laden und die Metzgerei. Seit damals arbeite ich hier. Die auf Lebenszeit Verurteilten werden heute nach dreißig Jahren entlassen. Meine Lebenszeit habe ich mir also hier schon abgesessen.

Sind Sie in der Metzgerei aufgewachsen?
Ja.

Haben sie Tiere gehalten? Beschreiben Sie mir, bitte, wie hat eine Familienmetzgerei in Bayern zu der Zeit funktioniert, als bei uns ein realer Sozialismus herrschte.
Es war einfach. Zu Hause gab es einen Stall. Am Samstagvormittag brachten wir die Tiere von den Bauern her, die dann über das Wochenende im Stall blieben. Am Montag wurde geschlachtet und in den nächsten Tagen das Fleisch verarbeitet.

Wie viele Leute haben sie beschäftigt, was hat die Familie allein gemeistert?
Die Großmutter war im Geschäft. Meine Mutter starb sehr früh, ich habe sie fast nicht gekannt. In der Metzgerei haben mein Vater und zwei, drei Fleischer gearbeitet. Hier in der Filiale waren meistens meine Tante mit zwei oder drei Kräften tätig, die verkauft haben.

Haben sie damals die Tiere völlig verarbeitet? Was haben sie zum Beispiel mit den Knochen und der Haut gemacht? Wie sah dies aus? Wie war es eigentlich möglich, Tiere mitten in der Stadt zu schlachten? Wie war es um die damalige Hygiene bestellt?
Eine ähnliche Praxis gibt es bis heute. Unser Kollege schlachtet stets im Haus. Die Raumanforderungen sind natürlich ganz anders als zu der Zeit, von der ich spreche. Bei uns ging man vom Schlachthaus die Treppe hinunter direkt in die Küche, wo wir die Bratwürste gemacht haben. Alles musste man tragen, es gab dort kein Schiebesystem. Heute wird alles auf einer Schwebebahn und mit Kühlboxen gemacht, man kann die Tiere aufhängen und schrittweise verarbeiten. Die damaligen Vorschriften haben wir aber erfüllt. Die Knochen, Häute und Abfälle haben regelmäßig die Spezialisten zur weiteren Verarbeitung fortgebracht, etwa die Gerber.

Haben Sie diese Familientradition vermisst, als sie beendet hat?
Die Tradition haben wir vermisst, und zu Hause gab es dann doch mehr Ruhe. Allerdings habe ich damals schon gearbeitet und hatte keine Zeit für Gefühle. Im Geschäft arbeiten wir sechs Tage die Woche. Vom Montag früh bis Samstagmittag. Als man bei uns mit der Metzgerei Schluss machte, war ich nicht mehr zu Hause, sondern in der Lehre, und dann im Laden.

Welche Lehre, wo?
Ich bin gelernte Fachverkäuferin im Bereich Fleischerei. Ich lehrte bei der Firma Hausner, von der ich heute die meiste Ware nehme, die ich verkaufe.

Die meiste Ware? Ich habe bei ihnen das Gefühl, dass man hier alles kaufen kann und nirgendwohin mehr laufen muss.

Die Firma Hausner beliefert mich mit Fleisch, Räucherware und mit gutem Käse. Das Ergänzungssortiment, wie etwa die Zahnbürsten, die jemand von den Feriengästen immer vergisst, nehme ich aus dem Angebot der Supermärkte. Ich kenne die Wünsche meiner Kunden. In der Stadtmitte gibt es keine Geschäfte mehr, so dass ich mehr im Großhandel einkaufe. Mein Sortiment hat sich vergrößert. Ein großes Angebot, aber kleine Vorräte.

Haben Sie Stammkunden?
Ja, viele. So um sechzig, siebzig Prozent. Neuerdings zählen zu meinen Stammkunden Leute, die hier regelmäßig ihren Urlaub verbringen. Sie begrüßen mich mit dem Satz: „Das ist schön, dass es Sie hier immer noch gibt!“

Was wollen die Leute bei Ihnen? Einkaufen? Sich unterhalten?
Ich bin alles, auch eine Sozialstation. Einige brauchen Auskunft, andere wollen Geld wechseln, jemand kauft ein, ein weiterer fragt nach dem Weg.

Wo helfen Sie noch? Auch bei Familienkrisen?
Manchmal auch. Aber da mische ich mich nicht ein. Da ich keine Familie habe, würde ich nur schlechte Ratschläge geben.

Man sagt, die besten Schwimmlehrer sind die Nichtschwimmer…
Bin mir nicht so sicher. Manchmal frag ich mich, ob es in irgendeiner Beziehung immer noch gut sei oder nicht mehr, aber dann sag ich doch nichts.

Wie lange hat das längste Gespräch bei Ihnen im Laden gedauert? Sagen wir, in nicht geschäftlichen Angelegenheiten?
Früher konnten sich Kunden hier ganze Stunden aufhalten. Heute geschieht dies nicht mehr in dieser Weise. Früher pflegte ein älterer Herr zu kommen, rund um den Mittag, hat gegessen, eingekauft, jeden Tag dasselbe erzählt, und ist einige Stunden geblieben. Ein weiterer älterer Herr kam immer vormittags. Heute passiert es öfters, dass man eine halbe Stunde über etwas plaudert.

Das ist schon ein Unterschied zu den Supermärkten. Was denken Sie über sie?
Sie sind praktisch, aber Läden sind das nicht. Man kann nicht plaudern, kann keine Auskunft erfragen. Die Supermärkte haben keine direkte Beziehung zu den Leuten. Doch das betrifft nicht nur Supermärkte. Ich kenne Läden, wo man auch kaum redet und man kein Interesse für die Kunden erkennen kann.

Fühlen Sie sich wie eine Institution, hier in Tirschenreuth?
Ich bin ich. Jein. Aber eher ja.

Wie viele Generationen aus Ihrer Familie stammen aus Tirschenreuth?
Das weiß ich nicht. Ich kenne meine Vorfahren nur bis zu meinem Großvater. Wann das Geschäft angefangen hat, weiß ich nicht. Das untere Haus, wo wir die Metzgerei hatten, hat mein Großvater gekauft. Vor ihm wurde dort Schinken gemacht. Von hier wurde auch für den Königshof in München geliefert. Der Tirschenreuther Schinken war damals weithin bekannt. Mein Großvater hat die Metzgerei während des Krieges gekauft, ist aber früh gestorben, das Geschäft führte dann die Großmutter. Auch in den schweren Zeiten. Über meinen Vater wurde es fortgesetzt. Als er Rentner wurde, ließ er alles auf mich überschreiben. Selbstständig arbeite ich seit 1996.

Haben Sie Geschwister?
Wir waren zwei. Ich habe einen Bruder, der zwar als Fleischermeister gelernt ist, aber wollte die Fleischerei nicht.

So dass Sie an der Reihe waren und haben nicht protestiert.
Ich hätte schon protestiert, aber es hätte nicht geholfen.

Wirklich? Sie wollten anderswo hin?
Ich wollte nicht in die Fleischerei, wollte eine Gärtnerin sein, Polizistin oder so was Ähnliches. Aber dann wurde gesagt: „Du wirst lernen und anfangen.“ Als ich ausgelernt hatte, wurde gesagt: „Du gehst nach Hause.“

Wenn Sie den Laden schließen, bleibt vom Tage nichts mehr übrig, nicht wahr?
Aber nein, abends trainiere ich. Viermal die Woche!

Wie sind Sie im katholischen Bayern zum heidnischen Aikido gekommen?
Das Aikido ist weder heidnisch noch religiös. Es ist eine japanische Verteidigungs-Kunst, die auf Friedfertigkeit großen Wert legt, Gelassenheit vermittelt und die Aufmerksamkeit schult.

Hat es nicht Ihren Katholizismus gestört?
Nein, im Gegenteil. Mein Vorgänger im Vorstand wurde katholischer Priester.

Wie sind Sie zum Aikido gelangt?
Das Aikido gibt es in Tirschenreuth seit 1971. Damals waren Filme über Kampfkunst in Mode. Ich bin später dazu gekommen, erst 1975. Als ein Kurs für Anfänger ausgeschrieben wurde, sagte mein Vater, geh und melde dich, er hat selbst als junger Mann in Weiden Judo geübt. Ich meldete mich und mit mir viele Kinder aus der Nachbarschaft. Sie haben nicht durchgehalten, ich schon.

So dass Ihr Vater wusste, was eine Freizeit ist und dass man sie irgendwie verbringen soll?
Freizeit hatte er auch wenig. In einer Fleischerei ist die Freizeit ein rarer Gast. Aber den Sonntag hat er genossen.

Wie war es hier, als Sie in die Schule gegangen sind, am Ende der Welt, am Eisernen Vorhang?
Im tagtäglichen Leben wussten wir von diesem Vorhang wenig. Es kamen nicht so viele Touristen, und in eine gewisse Richtung durfte man nur ein Stück fahren, dann ging es nicht weiter. Wir sind mit Langlaufski unterwegs gewesen, bis zur Silberhütte, zu den Quellen der Naab. Es war ein bisschen Slalom zwischen den Beobachtungsposten. Wenn wir den tschechischen Grenzbeamten zugewinkt haben, winkten sie zurück.

Wenn die Welt, nach der Behauptung einiger Psychologen angeblich, auf diese Weise endet, würden Leute verrückt.
Ich glaube nicht, dass bei uns Leute verrückt wurden. Hinter Mähring war Schluss, aber die meisten Leute wollten auch nicht weiterfahren.

Hatten Sie noch zu der Zeit des realen Sozialismus keine Lust, sich ein Visum zu besorgen und auf die andere Seite zu schauen?
Nein, überhaupt nicht. Der Mann meiner Tante ist hingefahren, brachte Oblaten, Krimsekt und Kaviar mit.

Dann haben Sie aber eine Partnerschaft in der Aikido-Übung zwischen Mähring und Tachau gegründet.
Das war ein Zufall. In derselben Firma wie unser Kollege vom Verein hier hat ein Tscheche aus Tachau gearbeitet, der Aikido trainierte. Die Tachauer Gruppe hat uns daraufhin eingeladen und uns in Tirschenreuth besucht. Wir hatten in Tachau ein ausgezeichnetes Training. Dort war man gewöhnt, ab und zu jemand als Instruktor einzuladen, aber nur ein paar Mal pro Jahr, weil solche Lehrgänge teuer waren. Als sie nach dem Wochenende-Training unseren Chef fragten, was sie zu bezahlen haben, sagte er, nichts.Die Partnerschaft dauert nun seit 1999. Es sind auch persönliche Freundschaften entstanden, abends trifft man Leute, die nicht mehr trainieren. Es bleibt schon dabei, es ist gut so.

Ist es für Sie ein Unterschied, hier das traditionelle Bayern, in Böhmen ein Gebiet, wo praktisch alle erst nach dem Krieg eingezogen sind?
Für mich sind einzelne Leute wichtig. Wenn du mit jemand Aikido trainierst, ist es dir egal, wo er herkommt oder lebt. Es ist egal, ob er Deutsch, Tschechisch oder Japanisch spricht. Unser Training beruht auf einem freundlichen Miteinander, das jeder versteht. Die Leute werfen einander ganz fein im Raum, er tut manchmal weh, aber im Aikido geht man mit dem Anderen sehr harmonisch um. Aikido hat mit Kampf nichts zu tun. Es kommt ein Angriff, man fängt diesen elegant und harmonisch ab und macht dem Partner deutlich, dass eine Aggression immer etwas Falsches ist. Manchmal wendet man einen schmerzhaften Griff an, der aber nur kurze Zeit andauert. Darum kann man auch nach dem Training beim Bier sitzen und reden.

Wie war es für Sie, als Sie im neunzigsten Jahr die offene Grenze überfahren haben und sahen, dass dort doch eine weitere Welt existiert?
Naja, alles sah dort ganz anders aus wie bei uns. Bei uns ist auch im Walde alles sauber aufgeräumt. Auf der tschechischen Seite herrschte hinter der Grenze im Walde eine Wildnis. Man konnte auf viele Tiere treffen, insbesondere auf Rehwild, das man bei uns nicht so oft sieht. Es war ein riesengroßer Unterschied. Und selbstverständlich auch die Straßen. Bei uns floss in die Grenzgebiete viel Geld, so dass auch kleinere Straßen im ausgezeichneten Zustand waren. Das gilt heute nicht mehr. Aber damals konnte man sofort den Unterschied erkennen. Im winterlichen Tachau hängt ein grauer Schleier über der Stadt, verursacht durch die Heizung mit Kohlen. So was sieht man bei uns nicht mehr. Vor zwanzig Jahren war der Unterschied viel größer. Den Wintersmog in Tachau gibt es aber immer noch. Tachau liegt im Tal, wenn es die Wolken wie mit einem Deckel zudecken, spürt man den Kohlenrauch. Die Dörfer sind sichtlich gemütlicher. Und die Supermärkte, die sehen auf den ersten Blick überall gleich aus.

Wie hat sich im Laufe Ihres Lebens Tirschenreuth geändert?
Es ist in den letzten Jahren viel geschehen. Früher war alles zwar ruhiger, und viele Leute glaubten, dass alles so bleiben sollte, wie es immer war. Doch zahlreiche Arbeitsplätze in der Porzellanindustrie gingen verloren, viele jungen Leute zog es in die Großstädte. Der gegenwärtige Bürgermeister fand ein gutes Konzept. Er hat wirklich sehr viel geleistet, das muss man mit großem Respekt erwähnen. Die ganze Stadt hat sich positiv verändert, und diese Entwicklung setzt sich fort. Vorher war es eine kleine gemütliche Stadt mit einer Porzellanfabrik und einigen Maschinenund Textilfabriken. Heute ist es eine moderne zukunftsorientierte, offene Stadt. Es ist gelungen, hierher das Amt für die Landesentwicklung zu bekommen. Wir haben hier auch Immigranten, was gut ist, die Stadt wirkt bunter.

Kommen auch die, die hier eingezogen sind, zu Ihnen in den Laden?
Aber ja. Auch Leute aus dem Irak oder Iran. Es kommen sogar solche, die wegen des Amtes aus Regensburg hierher zugezogen sind.

Sie wohnen auch hier hinter dem Laden?
Ja. Früher war hier nur das Geschäft, ohne Toilette. Das würde das zuständige Amt mir heute längst geschlossen haben. Als dann die Mieter aus der Wohnung hinter dem Laden umgezogen sind, habe ich auch diesen Raum angemietet und durchbrechen lassen.

Hatten Sie je irgendeine Aushilfe im Laden?
Früher schon. Aber jetzt könnte ich sie nicht mehr bezahlen. Als vom Marktplatz die Bushaltestellen verschwanden und die Arztpraxen in der letzten Zeit umgezogen sind, kommen wesentlich weniger Leute in den Laden. Früher kamen ältere Leute mit dem Bus und haben hier auf dem Marktplatz eingekauft. Heute lassen sie sich von jemand in den Supermarkt bringen, falls sie es alleine nicht schaffen. Ich kenne nicht alle Gründe, warum es wesentlich weniger Leute gibt, aber ich bin das letzte Lebensmittelgeschäft auf dem Marktplatz.

Womit lebt, Ihrer Meinung nach, der Marktplatz jetzt nach der Modernisierung?
Im Sommer ist der Platz voll. Die Leute sitzen in den Cafés, essen Eis, die Restaurants sind voll. Wenn’s regnet, ist es nicht so gut. Ich würde sagen, dass die Veränderung darin besteht, dass der Marktplatz nicht mehr der Ort des Handels ist, sondern der Freizeit. Wenn die Leute vom Arzt oder aus der Bank kommen, kaufen sie bei mir nicht mehr ein belegtes Brötchen. Vieles wird heute auch über das Internet erledigt.

So würde heute einen ähnlichen Laden, wie Sie ihn hier haben, niemand mehr öffnen?
In keinem Fall. Definitiv nicht! Schon wegen der Arbeitszeit würde es niemand mehr tun.

Für Sie ist dieser Laden Ihre Lebensaufgabe?
So etwas, ja. Ich halte noch ein paar Jahre aus. Solange es mir Spaß macht.

Alle kennen angeblich Ihre Brötchen…
Ja, davon verkaufe ich jährlich mehrere tausend. Unten eine Scheibe Baguette, oben fünf Sorten Geräuchertes oder fünf Sorten Käse. Und alles schön geschmückt. Ich denke, dass der Bürgermeister und der Pfarrer sie nicht mehr sehen können, denn sie bekommen sie überall serviert, wenn sie irgendwohin zu einem Fest eingeladen werden. Für heute habe ich eine Bestellung für 50 Brötchen. Am Sonntag fahren weitere hinaus und für die nächste Woche wurde mir ein Geburtstag angemeldet. Ich habe auch gesehen, dass manche Kollegen versuchen, mich nachzuahmen, aber es ist nicht dasselbe. Ihre Brötchen sind einfach nicht so lecker, wie die meinen.

Etwas Warmes gibt es also bei Ihnen jeden Tag, und die Brötchen kann man bestellen?
Wir lassen niemand hungern, wir haben immer etwas in der Hinterhand. Wenn ich nicht gerade trainiere, bin ich zu Hause oder im Geschäft. Falls jemand am Sonntag anruft, lehne ich ihn auch nicht ab. Da meine Wohnung an den Laden grenzt, ist das kein Problem.

Es ist bis jetzt niemand von den Gewerkschaften hier vorbeigekommen, um aus Ihnen ein abschreckendes Beispiel zu präsentieren, wie die Arbeitszeit nicht aussehen soll? Denn Sie sind ja immerwährend in der Arbeit.
Bis jetzt niemand. Ich bin ja keine Angestellte. „Selbstständig“ hat es schon in sich, selbst und ständig. Ein Streik würde nicht helfen.

Bieten Sie ihre Brötchen etwa im Internet? Sie könnten sie ja in die Gegend ausfahren lassen…
Nein, das biete ich nicht an. Die Leute sollen persönlich kommen.

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