Lernen ist Folter
In den dunklen Winterstunden fraß sich ein tschechisches Sprichwort, das ich irgendwo entdeckt hatte, in meinen Kopf: “Učení je mučení” – Lernen ist Folter. Ein erstaunliches Sprichwort für ein Land, in dem der Pädagoge Jan Amos Komenský gewirkt hat. Lautete sein Motto nicht “Alles fließe aus eigenem Antrieb, Gewalt sei fern den Dingen”? Ich dachte an die Situationen zurück, in denen ich von Verkäuferinnen oder Kellnern Komplimente für meine Sprachkenntnisse bekommen hatte – “Mluvíte krasně! Mluvíte velmi dobře česky!” Natürlich hatte ich stets verlegen abgewehrt – “Danke, sehr nett von Ihnen, aber … ich weiß schon, ich mache noch viele Fehler … Tschechisch ist nämlich gar nicht so leicht …” Darauf bekam ich manchmal zur Antwort: “Nicht nur für Sie! Für uns auch!” Vielleicht hätte Komenský, überlegte ich, besser die tschechische Sprache reformieren sollen, um dieses Sprichwort aus der Welt zu schaffen, das sein Wirken und Schaffen beleidigt?
Als sich die ersten Frühlingssonnenstrahlen zeigten, spürte ich den Wunsch nach einer Belohnung für all die zurückliegenden Folterstunden, in denen ich versucht hatte, unaussprechliche Wörter auszusprechen und das Problem der perfektiven und imperfektiven Verben in den Griff zu bekommen. Ich besorgte ein Bayern-Böhmen-Ticket, nahm meine Freundin an der Hand und bestieg mit ihr den nächsten Zug nach Pilsen. Auf der Fahrt bestellte ich uns beim mobilen Getränkeverkäufer Tee und Kaffee und im Pilsener Hauptbahnhof einen Imbiss, ich ließ uns per Taxi zum Puppentheater Špalíček in Doubravka chauffieren und bat an der Kasse um zwei Eintrittskarten.
Ein Tscheche, der Deutsch lernt, hat es nicht so schön wie ich, dachte ich. Denn wo landet er, wenn er die Grenze überschreitet? In Sachsen, Bayern oder Österreich, wo Deutsch nur schwer als Deutsch zu erkennen ist. Und Komplimente bekommt er wahrscheinlich auch keine.
Doch urplötzlich schlug die Woge des Konversationsglücks, auf der ich schwamm, gegen eine Klippe. Noch vor der Vorstellung sprach uns eine Dame vom Theater an, und ich verstand nur “sklep”. Sie redete also von einem Keller. Aber was genau hatte sie gesagt? Vielleicht: “Darf ich Sie, bitteschön, in unseren Folterkeller bitten? Sie wissen doch – učení je mučení!” Mir brach der Schweiß aus. Hatte ich wirklich so viele Grammatikfehler gemacht, dass wir bei Wasser, Brot und Deklinationstabelle eingesperrt werden? Für wie lange? Eine Woche, einen Monat, ein Jahr? “Verschonen Sie meine Freundin!” wollte ich sagen. “Sie kann nichts dafür, ich bin ganz alleine schuld!” Aber wie sagt man das auf Tschechisch? Was heißt “verschonen”, was “schuld”?
Da packte die Frau vom Theater ihre Deutschkenntnisse aus und lud uns ein, die Marionettensammlung zu besichtigen. Besichtigen? Fünf Minuten später fanden wir uns glückselig puppenspielend im Keller wieder, was zur Folge hatte, dass wir am nächsten Tag im Puppenmuseum einen kleinen Spejbl und einen kleinen Hurvinek erwarben, mit denen wir auf der Heimfahrt viel Vergnügen hatten – aber das ist eine andere Geschichte.
Vorher kam noch die Sache mit dem Trolleybusfahrer, dem ich den Namen unseres Hotels nannte, verbunden mit der Bitte, uns Bescheid zu sagen, an welcher Haltestelle wir aussteigen müssen, und der uns am Ziel eine Wegskizze in die Hand drückte, die er an den vorangegangenen Stationen gezeichnet hatte – und das Frühstück, das ich uns telefonisch aufs Zimmer bestellte und das reichhaltiger war als mein Tschechisch – und noch einiges mehr … weshalb ich hiermit Pilsen zu meiner persönlichen Belohnungshauptstadt 2012 erkläre.
Elmar Tannert

