Was bleibt im Kulturgedächtnis haften
Mitstreiter motivieren und gewinnen war die Intention des Seminars „Abdrücke der Geschichte im Stein.“ Was liegt auf bayerischer und tschechischer Seite noch verschüttet, wo ist eine Rettung gelungen, wer sind die, die sich aufopfern?
Antworten gab eine kompetente Expertenrunde, die am Dienstag im Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) tagte. Organisatoren des grenzüberschreitenden Seminars waren Dr. Zuzana Finger, seit 2010 Heimatpflegerin der Sudetendeutschen mit Sitz in München und der tschechische Verein Omnium z.s., der sich der Aufgabe widmet, verlorenen Bauwerken in Tschechien wieder Leben einzuhauchen. Die Interessen der beiden verknüpften sich in vielen gemeinsamen Projekten, doch in Bayern trafen sie sich zum ersten Mal zum Informationsaustausch. „Das CeBB ist ein großartiger Ort für diese Tagung, auch ein Baudenkmal, das gerettet wurde,“ meine Tagungsleiterin Zuzana Finger in ihren Begrüßungsworten.
Das ehemalige Kommunbräuhaus in Schönsee war eines der Fotos, mit denen Dr. Tobias Appl, Bezirksheimatpfleger der Oberpfalz, in seiner Präsentation die Anstrengungen und Erfolge des Bezirks bei der Denkmalpflege erläuterte. Die Erfüllung der staatlichen Pflichtaufgabe Denkmalschutz ist für den Bezirk Oberpfalz ein „echtes Herzensanliegen. Mit über einer Million im Haushalt für die Denkmalpflege liegen wir an der Spitze in Bayern.“ Damit die Gelder an die richtige Stelle fließen, folgt der Bezirk bei der Bewilligung seiner Zuschüsse in sieben Förderschwerpunkten einem Regelwerk mit prozentualen, gedeckelten und offenen Fördersummen. Von großer Bedeutung für die Außenwirkung und die Motivation der Besitzer von Baudenkmälern ist der Denkmalpreis, den der Bezirk Oberpfalz seit 2013 vergibt. Die bisherigen acht Preisträger zeichnen ein eindrucksvolles Bild vom starken denkmalpflegerischen Engagement, darunter auch das sanierte Böhmerwaldhaus in Stadlern (2017). Einen Förderantrag zu stellen ist nicht schwierig, wie Dr. Appl am mitgebrachten Formular zeigte.
An Fördermittel heranzukommen ist auf der tschechischen Seite nicht so leicht, doch es gelingt bei sakralen Baudenkmälern, beim Wiederaufbau verschütteter Friedhöfe, der Sicherung von Überresten zerstörter sudetendeutscher Siedlungen und dem Erhalt von Boden- und Kleindenkmälern meist mit Unterstützung der Kommunen, des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, aus europäischen Töpfen, von Spendern und vor allem mit Arbeitseinsätzen, wie sie der Waidhauser Pfarrer Georg Hartl in seinem Erfahrungsbericht zum grenzüberschreitenden Dialog schilderte. Um die Herzen auf Nachbarseite zu erwärmen, um den Urwald über Mauerresten zu lichten, um sich beim Bauschutt wegräumen, beim Stein auf Stein setzen gegenseitig zu helfen und um Freundschaften grenzüberschreitend zu schließen, brauchte es die dreißig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. „Jetzt machen wir Sonntagsspaziergänge ins Böhmische, jetzt ist der Umgang frei von Ressentiments. Heute hören wir keine verletzenden Worte mehr, wenn wir gemeinsam mit Tschechen Hand anlegen“ sagte der Waidhauser Pfarrer, seit 1997 Seelsorger der Marktgemeinde, über seine Erfahrungen mit dem grenzüberschreitenden Dialog. „Zwölf dem Verfall preisgegebene Kirchen haben wir gerettet, zwei Loretto-Wallfahrten wiederbelebt. Von unserem großen Vorbild, dem inzwischen verstorbenen Pfarrer Born in Bor (Haid), ließen wir uns immer wieder zu neuen Kraftakten anspornen.“
Im Halbstundentakt gingen die hochinteressanten Vorträge durch den ganzen Tag. Dr. Sebastian Schott vom Weidener Amt für Kultur, Stadtgeschichte und Tourismus richtete seinen Blick auf die Architektur und Nutzung jüdischer Gemeindehäuser und Synagogen in der östlichen Oberpfalz und im angrenzenden Westböhmen. Von den vier untersuchten Synagogen in Floß, Weiden, Tachov (Tachau) und Lesná (Schönwald) wird nur mehr eine für ihren ursprünglichen Zweck genützt. Beeindruckend für alle war die Schilderung von Hynek Hladík über die Geschichte und die Rekonstruktion des „Schwarzenbergschen Schwemmkanals“, dem mit 52 km Länge größten Baudenkmal in Tschechien. Nicht von ungefähr wird er als „Schwemmkanalkönig“ apostrophiert, denn seiner Ingenieurkunst und Leidenschaft ist es zu verdanken, dass bereits vor 21 Jahren auf einem Teil ein Schauschwemmen stattfand, seitdem ein Besuchermagnet ohnegleichen. In den drei Präsentationen nach der Mittagspause ging es um Steinkreuze, die Rettung der Dittrich- Gruft in Krásná Lípa (Schönlinde) und die Erinnerung an Paul Adler, einem fast aus dem Gedächtnis verschwundenen jüdischen Schriftsteller. Zuzana Finger rennt mit ihrer Arbeit als Heimatpflegerin der Sudetendeutschen gegen das schwindende Kulturgedächtnis an: „Wenn für die Menschen die guten Werke und ihre Bedeutung verloren gehen, dann bricht ein Teil unseres kulturellen Erbes unwiederbringlich weg. Das wollen wir verhindern.“





