Kulinarische Brücken
Am 02. März kamen Gastronomie-Experten aus Bayern und Tschechien in Rattenberg zusammen, um "kulinarische Brücken" zu schlagen.
von Elke Scholand-Bredl und Kateřina Steeger
Es war kein gewöhnliches Branchentreffen. Es war eine bewusste Entscheidung für ein Prinzip, das älter ist als jede politische Vereinbarung: Wenn Menschen gemeinsam an einem Tisch sitzen, entsteht Verständigung.
Eine private Initiative mit gesellschaftlicher Dimension
Auf private Initiative von Elke Scholand-Bredl, studierte Gastrosophin – also Expertin für die „Weisheit des Essens“ – und Kateřina Steeger, Tischkultur- und Genuss Vermittlerin als tschechische Projektpartnerin der Initiative, trafen sich im „STOI“ vom charismatischen Spitzenkoch und Fleischpapst Ludwig Maurer 38 ausgewählte Vertreterinnen und Vertreter aus Gastronomie, Kulinarik, Tourismus, Handwerk und Politik aus Bayern und Tschechien.
„Kulinarische Brücken“ ist kein staatliches Programm. Es ist eine zivilgesellschaftliche Initiative mit strategischem Anspruch. Sie versteht sich als praxisnahe Umsetzung des 2024 unterzeichneten Memorandums von Cham, das eine intensivere Zusammenarbeit Bayerns und Tschechiens – insbesondere im kulinarischen und touristischen Bereich – vorsieht.
Doch im STOI wurde deutlich: Verständigung entsteht nicht allein durch Dokumente, sondern vor allem durch Begegnung und Austausch.
„Alle an einem (Küchen-)Tisch“ – dieses Leitmotiv durchzog die Konferenz. Es geht um mehr als Genuss. Es geht um Vermittlung kultureller Identität, um Regionalität, um Handwerk, um wirtschaftliche Perspektiven im Grenzraum und um eine langfristige, gewinnbringende Bildung der Gesellschaft für die eigene kulinarische Herkunft.
Was hier stattfand, war eine historische Premiere: Erstmals arbeiteten Spitzenköche aus den renommiertesten Restaurants Tschechiens gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, insbesondere aus Bayern, an einem strukturierten Zukunftsfahrplan für ihre gemeinsame kulinarische DNA.
Von der Großmutterküche zur Zukunftsplattform
Die Initiative knüpft an eine gemeinsame historische Identität an: Die Küchen Bayerns und Böhmens entstanden über Jahrhunderte in einem gemeinsamen Kulturraum. Vertreibungen, politische Brüche und Sprachbarrieren haben Spuren hinterlassen – doch Rezepte, Techniken und Tischkultur wurden bewahrt.
Gastrosophin Elke Scholand-Bredl analysiert diese kulturellen Tiefenstrukturen wissenschaftlich und beleuchtet zudem als Touristikerin die qualitativen und zeitgenössischen Aspekte. Kateřina Steeger bringt als Expertin für Tischkultur die praktische und gesellschaftliche Dimension ein und vertritt im Projekt auch die tschechische Perspektive. Gemeinsam formulieren sie eine Vision: Tradition nicht museal bewahren, sondern sie lebendig vermitteln und durch Begegnungen aktiv weiterentwickeln.
Konkrete Ergebnisse der Konferenz (Stand 02.03.2026)
In fünf Arbeitsgruppen, organisiert wie die Abteilungen eines gastronomischen Betriebes, wurden folgende Bereiche der „Kulinarischen Brücken“ diskutiert und realisierbare Ziele erarbeitet:
- Kulinarik & Handwerk
- Kulinarischer Tourismus
- Ausbildung und Zukunft
- Historie & Tischkultur
- Struktur, Kommunikation & Wirtschaftlichkeit
Mit Ideen die sich oft sehr ähnelten, konkreten Vorschlägen und Erfahrungswerten der anwesenden Vertreter beider angrenzenden Regionen war man am Ende mit den Ergebnissen des Workshops mehr als zufrieden und heraus kamen Inputs wie:
- Kulinarische Routen zu entwickeln
- Produzenten und Gastronomie beider Regionen direkt zu vernetzen,
- Touristische Angebote grenzüberschreitend in Echtzeit zu verbinden.
- Ein grenzüberschreitendes Austauschformat für Schulen, Ausbildungseinrichtungen für angehende Köchinnen und Köche
- Teilnahme an bereits bestehenden Formaten, Events und Festivals zwecks Sichtbarkeit
- Aufbau einer digitalen, dreisprachigen Plattform (deutsch-tschechisch-englisch)
- Einführung eines grenzüberschreitenden Meister-Sharing-Formats
- Keine Konkurrenz, sondern kollegiale Zusammenarbeit. Keine Symbolik, sondern konkrete Arbeit.
- Machen statt reden
Mission: Langfristige Verständigung durch gemeinsame Tischkultur
Die Initiatorinnen formulieren ihr Anliegen klar:
Kulinarik ist kulturelles Gedächtnis und Identität, sie birgt wirtschaftliches Potenzial und ist gesellschaftlicher Bildungsauftrag zugleich.
Wenn Regionen ihre handwerklichen Wurzeln stärken, ihre Produzenten vernetzen und ihre Geschichte bewusst erzählen, entsteht nachhaltige Regionalentwicklung. Wenn junge Menschen erfahren, woher ihre Gerichte kommen und welche Geschichten dahinterstehen, entsteht Wertschätzung. Und wenn Nachbarländer gemeinsam kochen und essen, entsteht Vertrauen.
„Kulinarische Brücken“ will genau das leisten: Eine langfristige, tragfähige und gewinnbringende Verständigung zwischen Bayern und Tschechien – kulturell, wirtschaftlich und gesellschaftlich.
Politische Rückendeckung und europäische Signalwirkung
Mit der Teilnahme von Herrn Tobias Gotthardt, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, Frau Dr. Ivana Červenková, Generalkonsulin der Tschechischen Republik in München sowie Herrn Lukáš Opatrný, Konsul für Politik und Handel, der Tschechischen Republik, erhielt das Projekt politische Aufmerksamkeit auf höchster Ebene.
Fortsetzung
Das nächste Treffen sollte schon bald auf tschechischer Seite stattfinden, vielleicht auf einem „Oktoberfest“ in Prag? Bis dahin sollen erste konkrete Projekteteile sichtbar umgesetzt sein.
Was im „STOI“ begann, war nicht das Ende eines Tages, sondern der Anfang einer strukturierten Bewegung.
Denn manchmal beginnt Zukunft dort, wo Menschen gemeinsam an einem Tisch sitzen.
Unterstützt wurde die Initiative vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, dem Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales, dem Verein Kulinarisches Erbe Bayern e. V., CzechTourism, Weingut Thaya sowie der Glasmanufaktur Izaak Reich.
Fernsehbeitrag bei Niederbayern TV vom 04.03.2026:
Quelle: https://deggendorf.niederbayerntv.de/mediathek/video/kulinarische-bruecken-zwischen-bayern-und-tschechien/






